Am 16. Oktober 2025 fand auf dem IG-Farben-Campus der Goethe-Universität Frankfurt eine Buchvorstellung mit dem Historiker und Publizisten Jan Gerber statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand sein aktuelles Buch Zum Verschwinden des Holocaust, in dem er sich mit den Veränderungen der Erinnerungskultur und den gegenwärtigen Debatten über die Bedeutung des Holocaust auseinandersetzt.
Zu Beginn stellte Jan Gerber die zentralen Thesen seines Buches vor. Dabei ging er von der Beobachtung aus, dass die Erinnerung an den Holocaust gegenwärtig einem Wandel unterliegt. Die lange Zeit weithin anerkannte Auffassung von der Singularität des nationalsozialistischen Vernichtungsprojekts werde zunehmend infrage gestellt. Gerber zeigte auf, dass sich die Erkenntnis von der Besonderheit des Holocaust historisch keineswegs unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchgesetzt habe. Vielmehr seien die Unterschiede zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie die spezifische Dimension der industriell organisierten Vernichtung der europäischen Juden lange Zeit nur unzureichend wahrgenommen worden.
Im weiteren Verlauf erläuterte der Autor die Entstehung der Holocaust-Erinnerung als gesellschaftlichen Prozess. Erst seit den 1970er Jahren sei der Holocaust schrittweise aus den Randbereichen des öffentlichen Gedächtnisses in dessen Zentrum gerückt. Gerber verband diese Entwicklung mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Auf diese Weise zeichnete er die Bedingungen nach, die eine differenzierte Erinnerung und historische Erkenntnis ermöglichten, und diskutierte zugleich die Faktoren, die heute zu einer Erosion dieser Voraussetzungen beitragen könnten.
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung waren aktuelle Debatten über das Verhältnis des Holocaust zu kolonialen Verbrechen sowie die Bedeutung der Erinnerungskultur im Kontext gegenwärtiger Auseinandersetzungen um Israel. Gerber ordnete diese Diskussionen historisch ein und plädierte dafür, die Besonderheiten unterschiedlicher historischer Gewaltverbrechen ernst zu nehmen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Sein Ansatz zielt auf eine integrierte Geschichte der Holocaust-Erinnerung, die historische Entwicklungen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und politische Konflikte gleichermaßen berücksichtigt.
An die Buchvorstellung schloss sich eine lebhafte Diskussion mit den Teilnehmenden an. Dabei wurden Fragen zur Zukunft der Erinnerungskultur, zur Rolle universitärer Bildung sowie zu aktuellen politischen Instrumentalisierungen von Geschichte erörtert. Die Veranstaltung bot den Anwesenden die Möglichkeit, sich vertieft mit den Herausforderungen einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und seiner Erinnerung auseinanderzusetzen.
Insgesamt stieß die Veranstaltung auf großes Interesse und trug zu einer fundierten Diskussion über die Bedeutung historischer Erinnerung in der Gegenwart bei. Sie leistete damit einen wichtigen Beitrag zum akademischen und gesellschaftspolitischen Austausch an der Goethe-Universität Frankfurt.
