Im Rahmen unseres Projekts zur kritischen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Erinnerungskultur und antifaschistischer Bildungsarbeit führten wir im Wintersemester einen einführenden Vortrag sowie einen daran anschließenden historischen Stadtrundgang in Wiesbaden durch. Ziel des Projekts war es, historische Kenntnisse über die Zeit des Nationalsozialismus mit aktuellen Debatten über Erinnerungspolitik zu verbinden und den Teilnehmenden einen konkreten Zugang zu lokalen Orten von Verfolgung, Vernichtung und Widerstand zu ermöglichen.
Den Auftakt bildete am 13. Januar der Vortrag „Gedenken und Erinnern heute. Antifaschistische Perspektiven auf Erinnerungspolitik“. Im Zentrum standen Fragen nach der gesellschaftlichen Funktion von Erinnerungskultur sowie nach den politischen Auseinandersetzungen um das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen. Diskutiert wurden die historische Entwicklung der deutschen Erinnerungspolitik, die Bedeutung des Holocaust für das gesellschaftliche Selbstverständnis der Bundesrepublik sowie aktuelle Herausforderungen für eine kritische Erinnerungsarbeit. Aus antifaschistischer Perspektive wurde insbesondere thematisiert, wie Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen nicht nur der historischen Aufklärung dienen kann, sondern auch einen Bezug zu gegenwärtigen Formen von Antisemitismus, Rassismus und autoritären Entwicklungen herstellen muss. Der Vortrag bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, theoretische Grundlagen zu erarbeiten und aktuelle erinnerungspolitische Debatten kritisch zu reflektieren.
Aufbauend auf diesen inhaltlichen Vorbereitungen fand am 28. Februar der Stadtrundgang „Wiesbaden im NS“ statt. Ziel des Rundgangs war es, die Geschichte des Nationalsozialismus auf lokaler Ebene sichtbar zu machen und historische Ereignisse anhand konkreter Orte im Stadtbild nachzuvollziehen. Dabei wurden verschiedene Stationen besucht, die für die Geschichte von Verfolgung, Entrechtung und Widerstand in Wiesbaden von Bedeutung sind.
Im Mittelpunkt standen Orte, an denen die Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger sowie anderer vom NS-Regime verfolgter Gruppen nachvollzogen werden konnten. Darüber hinaus wurden Orte thematisiert, die mit der Organisation nationalsozialistischer Herrschaft und der Umsetzung von Verfolgungsmaßnahmen verbunden waren. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Geschichte des Widerstands gegen das NS-Regime. Anhand ausgewählter Biografien und lokaler Beispiele wurde deutlich gemacht, dass es auch in Wiesbaden Menschen gab, die sich der nationalsozialistischen Herrschaft widersetzten und dabei oftmals erhebliche persönliche Risiken eingingen.
Die Verbindung von theoretischer Auseinandersetzung und historischer Spurensuche vor Ort erwies sich als besonders gewinnbringend. Während der Vortrag die grundlegenden Fragen von Gedenken und Erinnerungspolitik behandelte, ermöglichte der Stadtrundgang eine konkrete Veranschaulichung historischer Prozesse. Die Teilnehmenden konnten nachvollziehen, wie eng die Geschichte des Nationalsozialismus mit lokalen Räumen verknüpft ist und welche Bedeutung die Erinnerung an diese Geschichte für die Gegenwart besitzt.
Das Projekt stieß auf großes Interesse und förderte einen intensiven Austausch über historische Verantwortung, Erinnerungskultur und die Herausforderungen antifaschistischer Bildungsarbeit. Durch die Kombination von Vortrag und Stadtrundgang wurde ein niedrigschwelliger und zugleich wissenschaftlich fundierter Zugang zu einem zentralen Thema der politischen Bildung geschaffen. Das Projekt leistete damit einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
