Am 14. bis 16. November haben wir das interdisziplinäre Arbeitswochenende „Brecht
wi(e)derlesen“ durchgeführt. Das Projekt setzte sich intensiv mit dem Werk und den
theatertheoretischen Ansätzen Bertolt Brechts auseinander, insbesondere mit Die Dreigroschenoper sowie dem Konzept des Verfremdungseffekts. Ziel war es, Brechts Ideen nicht nur theoretisch zu erschließen, sondern sie im Sinne seines „Lehrstück“-Gedankens praktisch zu erproben und gemeinsam weiterzudenken.
Über die drei Tage hinweg arbeiteten die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen an zentralen Prinzipien des epischen Theaters. Nach kurzen inhaltlichen Inputs wurden diese direkt in praktische Übungen überführt: Szenen wurden entwickelt, ausprobiert und bewusst gebrochen, um den Verfremdungseffekt erfahrbar zu machen. Im Vordergrund stand dabei weniger eine fertige Aufführung, sondern vielmehr der Prozess des gemeinsamen Ausprobierens, Verwerfens und Reflektierens. Ergänzt wurden die Arbeitsphasen durch abendliche offene Gesprächsrunden, die Raum für Austausch, inhaltliche Vertiefung und informelle Reflexion boten.
Inhaltlich beschäftigten sich die Teilnehmenden insbesondere mit der Frage, welche politische und künstlerische Relevanz Brechts Theaterverständnis heute noch hat und wie seine Methoden auf aktuelle gesellschaftliche Kontexte übertragen werden können. Die praktische Arbeit ermöglichte es dabei, zentrale Begriffe wie „Verfremdung“ oder „episches Theater“ nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern sie körperlich und szenisch zu erproben und neu zu reflektieren.
Das Feedback der Teilnehmenden fiel positiv aus. Besonders die Verbindung von Theorie und Praxis sowie der offene, experimentelle Charakter des Formats, der viel Raum für eigenes Ausprobieren ließ, wurde positiv erwähnt. Viele empfanden es als gewinnbringend, Brechts Konzepte nicht nur zu lesen, sondern aktiv umzusetzen und dadurch neu zu erschließen. Gleichzeitig wurde kritisch angemerkt, dass die lange Anreise mit einem gewissen Zeitverlust verbunden war und sich einige Teilnehmende noch mehr Zeit für die praktische Umsetzung gewünscht hätten. Auch die Gruppenarbeit wurde überwiegend positiv bewertet, da sie unterschiedliche Perspektiven zusammenbrachte und produktive Diskussionen ermöglichte.
Für die Teilnehmenden bot das Wochenende einen niedrigschwelligen Zugang zu theater- und gesellschaftstheoretischen Fragestellungen sowie die Möglichkeit, gemeinschaftlich kreative und kritische Arbeitsprozesse zu erproben. Damit leistete das Projekt auch einen Beitrag zum Campusleben, indem es Studierende verschiedener Fachrichtungen zusammenbrachte und einen Raum für experimentelles, selbstorganisiertes Lernen eröffnete.
Rückblickend bewerten wir das Projekt als gelungenen Auftakt für ein Format, das Theorie und Praxis konsequent miteinander verbindet. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass für zukünftige Durchgänge eine stärkere zeitliche und inhaltliche Strukturierung einzelner Arbeitsphasen sinnvoll sein kann, um mehr Raum für praktische Vertiefung zu schaffen und die Ergebnisse noch gezielter zu reflektieren.
